| Karstens Heimatseite | |
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| Unsere Trinkmilch. Eine Inspektion. |
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Wer kennt nicht die Bilder der Idylle, die das Werbefernsehen täglich
in
unsere Wohnzimmer katapultiert? Da grasen glückliche Wiederkäuer mit
bimmelnden Kuhglocken auf satten Weiden und dralle Bäuerinnen, die
Frisur
züchtig-sittsam mit einem malerischen Kopftuch gebändigt, rühren in
großen
Milchbottichen. Kernige Naturburschen jonglieren mit Käselaiben und
flauschige Bären tragen überdimensionale Milchfäßchen über blühende
Alpenwiesen. Mitunter grinsen uns auch smarte Hollywoodgrößen
verschwörerisch zu und verkünden mit einem kecken Milchbärtchen auf der
Oberlippe: „Die Milch macht’s!“ Das Image der Milch ist rein und so
weiß,
wie die Flüssigkeit selber. Umfragen haben ergeben, daß 90% der
Konsumenten
Milch und Milchprodukte mit frischen, gesunden und natürlichen
Lebensmitteln
assoziieren. Gerade anläßlich des BSE-Skandals fanden es viele
Verbraucher
beruhigend, nicht auf Fleischkonsum angewiesen zu sein und griffen auf
scheinbar ursprüngliche und unverfälschte Grundnahrungsmittel wie
Milch,
Käse & Co zurück. Leider ist es einem großen Teil der Bevölkerung nicht
bekannt, daß die sogenannte Trinkmilch kein unbelastetes Erzeugnis ist.
Es
stimmt zwar, daß die Übertragung des BSE-Erregers auf Milchprodukte
bis
jetzt nicht nachgewiesen werden konnte. Doch der Endverbraucher nimmt
über
die Trinkmilch ein Potpourri schädlicher Stoffe zu sich und die derzeit
betriebenen Agrarformen gehen auf Kosten von Mensch und Tier, Natur und
Umwelt. Die konventionelle Produktion von Milch hat schon lange nichts mehr mit glücklichen Kühen zu tun. Eine Milchkuh darf schon deswegen nicht gemütlich wiederkäuend auf sonnigen Almwiesen herumlungern, weil sie einen harten Job zu verrichten hat; sie muß im Akkord Milch produzieren. Und womit wird sie gefüttert? „Wiederkäuer erhalten neben den üblichen wirtschaftseigenen Grundfuttermitteln - wie Gras, Heu, Silage, Futterrüben - auch Ergänzungsfuttermittel zur bedarfs- und leistungsgerechten Ernährung“, so heißt es lapidar in einer Info-Broschüre des Minisiterums Ländlicher Raum, Baden-Württemberg. Was darf man unter „Ergänzungsfuttermittel“ verstehen? „In der Regel Getreideschrot, Sojaschrot und Mineralstoffe, die nach Wachstum und Milchleistung eingesetzt werden.“ Der negativ belegte Ausdruck „Kraftfutter“ wird, zumindest in dieser Broschüre, geschickt umgangen, denn auch zu weniger aufgeklärten Verbrauchern hat es sich inzwischen herumgesprochen, daß fast alle gesundheitlichen Probleme der Milchkühe, sowie Belastungen und Qualitätsminderungen der Milch daraus resultieren. Niemand klärt jedoch den Verbraucher konkret über die Risiken auf. Kaum einer weiß, daß die erwähnten Getreide- und Getreideersatzstoffe - aus Kostengründen - aus subtropischen Ländern importiert werden. „Mit an Bord sind hierbei genveränderter Sojaschrot, ein bunter Mix von Pestiziden, die in der EU längst verboten sind, und Schimmelpilzgifte. (Beispielsweise Aflatoxine, denen man krebserregende Eigenschaften nachsagt.) Eine weitere beliebte Kraftfutterkomponente sind Abfälle aus der Saftindustrie. Diese enthalten neben Pestiziden auch Rückstände von dioxinverseuchtem Kalk, womit man in den Tropen Früchte konserviert und lagert. Was besorgniserregend klingt, ist legal; sofern bestimmte Grenzwerte eingehalten werden, ist in der Futtermittelindustrie ein Mischen von hochbelasteten Futtermittelkomponenten mit weniger belasteten erlaubt. Kraftfutter wird verabreicht, um die Milchproduktion der Kühe anzutreiben. Dabei sollte es möglichst billig sein, um die Produktionskosten der Bauern gering zu halten. Die Landwirte machen es sich hierbei zum Vorteil, daß Rindermägen auch scheinbar Unverdauliches – relativ - problemlos verdauen können. Bis zum BSE-Skandal im Herbst 2000 war Tiermehl ein wesentlicher, weil kostengünstiger, Bestandteil. Es wurde mit Aromastoffen so manipuliert, daß die Kühe die Umpolung vom Vegetarier zum Fleischfresser nicht merkten. Unappetitlich, aber wahr: auch eingeschläferte Haustiere wurden so wieder in unsere Nahrungskette eingespeist, denn man verarbeitete in den Tiermehlfabriken gerne billige Kadaver aus tierärztlichen Praxen. Es ist zu befürchten, daß das derzeitige Fütterungsverbot von Tiermehl nach Abklingen des BSE-Krise wieder aufgehoben wird. Pro Jahr und Kuh werden 2 – 2,6 Tonnen Kraftfutter verfüttert, was bei den Tieren zu Fruchtbarkeitsstörungen, Euterentzündungen, Klauenproblemen, Stoffwechselstörungen und Pansenübersäuerungen führt. Wurde früher eine Milchkuh 15 bis 20 Jahre alt, so bringt sie es heute lediglich auf ein Durchschnittsalter von vier Jahren. In ihren ersten zwei Lebensjahren ist sie für den Landwirt noch unrentabel ist, denn sie muß als Kalb aufgezogen werden und kann so lange noch keine Milch produzieren. Daher erwartet man von der einzelnen Kuh in der ihr noch verbleibenden Lebenszeit eine besonders hohe Milchleistung. Damit die Tiere diese kurze Zeit als „Hochleistungskühe“ überstehen und nicht zu schnell erkranken, mischt man dem Futter meist prophylaktisch Antibiotika bei. Doch sobald eine Milchkuh keine oder nicht mehr genügend Leistung bringt, wird sie geschlachtet. Passend zu unserer Wegwerfgesellschaft hat man die Kühe zu Wegwerfkühen degradiert. So sieht das zusammenfassende Resümee aus: Aufgrund der Kraftfuttergaben befinden sich in unserer Trinkmilch Rückstände von Pestiziden, Schimmelpilzgiften, Dioxin und Antibiotika. Wurden die Pansenwände der Kühe stark geschädigt, gelangen mitunter auch krankmachende Bakterien in die Milch, die auf den Menschen übertragen werden können. Je größer die Milchleistung der einzelnen Kuh ist, desto mehr „verwässern“ zudem einzelne Stoffe, die die Milch ursprünglich so gesund und wertvoll machten. Wesentliche Minorbestandteile, wie die Orotsäure, die das menschliche Immunsystem stärkt, nehmen ab. Die Zusammensetzung des Milcheiweißes verändert sich und wertvolle Omega-3-Fettsäuren sind kaum mehr vorhanden. Zudem hat die konventionelle Milchwirtschaft schwerwiegende Folgen für die Natur. Im Wesentlichen hat das mit der Umstellung von Gras-, Heu- und Futterrübenfütterung auf reine Silagefütterung zu tun. Unter Silage versteht man angewelktes Gras, das im Silo vergoren wird. Viele Bauern nutzen Silage als ganzjähriges Grundfutter, weil sie mit diesem Futter wetterunabhängig sind. Läßt man die Kühe allerdings gar nicht mehr grasen sondern mäht die Weiden ausschließlich ab, wird ein empfindliches ökologische Gleichgewicht zerstört. Ein zu früher Grasschnitt stoppt die Pflanzenentwicklung, die Artenvielfalt der Kräuter und Wiesenblüten nimmt ab, wenn der Schnitt vor der Blüte erfolgt. In Folge wandern die in der Wiese brütenden Vogelarten ab und verlieren ihren Lebensraum. Auf den Silageflächen wird durch den Gärprozeß eine höhere Stickstoffausgabe erzielt, was die Wiesenentwicklung zusätzlich hemmt. Seit es bei der Agrarreform von 1992 erstmals „Maisprämien “ von der EU gab, wurde es für viele Bauern rentabler, Maissilage zu verfüttern und die Tiere im Stall zu lassen, zumal auch der Stallbau in der Milchwirtschaft staatlich subventioniert wird. So dient das Grünland vielerorts nicht mehr als Weide. Selbst in so reinen Grünlandregionen wie Schleswig Holstein stehen die Kühe nun im Stall. Unrentables Grünland verkommt so zu monotonen Äckern, in den letzten 20 Jahren sind auf diese Weise rund 25 % des Weidelandes verloren gegangen. Die Gülle großer Kuhherden stellt ein weiteres ökologisches Problem dar. In mit Stroh ausgelegten Ställen entsteht ökologisch sehr verträglicher humusfördernder Dünger, die Jauche macht nur einen geringen Teil des Mistes aus und belastet die Umwelt nicht. In der konventionellen Landwirtschaft verzichtet man aus Kostengründen in der Regel auf Stroh, die Gülle fließt ungefiltert ab und verunreinigt die Binnengewässer und letztendlich auch die Nordsee. Weil es so schön billig ist, nutzen viele Landwirte die Gülle als Dünger und führen dadurch Boden und Grundwasser die Rückstände von Antibiotika zu. Die Pflanzenvielfalt auf mit Gülle gedüngten Böden minimiert sich daher drastisch. Die Landschaftsveränderungen gehen mit dem Strukturwandel in der Milchwirtschaft einher. Kleine Bauernhöfe gehen ein und immer weniger Bauern besitzen immer größere Herden. Durch die europäische Politik wird diese Entwicklung derzeit noch vorangetrieben. Die EU-Agrarreform „Agenda 2000 sieht beispielsweise Ausgleichszahlungen für Mais und Subventionen für Aufforstungen vor, die Nutzung von Grünland bei der Milcherzeugung wird hingegen in der BRD nicht unterstützt. Bei den Abschlußverhandlungen der „Agenda 2000“ wurde der Milchpreis ein weiteres Mal gesenkt. Die Betriebe sind nun gezwungen, noch billiger zu produzieren und noch mehr Milch aus der einzelnen Kuh „rauszuholen“. Dem Verbraucher kann man aufgrund dieser beunruhigenden Tatsachen nur empfehlen, Biomilch zu trinken. Biomilch ist keine gewöhnliche Trinkmilch; die Erzeugung unterliegt strengen Richtlinien der ökologischen Anbauverbände und der EU-Bioverordnung für Tierhaltung. So sind artgerechte Haltung und ein Maximum an Weidegang vorgeschrieben. Die Kühe bekommen nur Futtermittel aus biologischem Anbau, Importfuttermittel und Futtermittelzusatzstoffe sind generell verboten. Bei dieser Art von Landwirtschaft bleibt das ökologische Gleichgewicht der Wiesen erhalten. Wer im Kühlregal nach Biomilch greift, trägt nicht nur zum Erhalt der Landschaft bei, sondern tut auch noch etwas für seine Gesundheit. Denn Biomilch ist von Pestiziden, Antibiotika u. ä. unbelastet, die Qualität ist gleichbleibend. Zudem enthält sie Ateriosklerose vorbeugende und krebshemmende Omega-3-Fettsäuren; ½ l Ökomilch pro Woche ersetzt zwei Fischmahlzeiten. Wie man am Beispiel der Milchwirtschaft sehen kann, gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem eigenen Kaufverhalten, der Art von Tierfütterung und Landwirtschaft, unserer Nahrungskette und den Veränderungen in der Natur. Eines sollte jedem Konsumenten bewußt sein: Nicht die Industrie, der Verbraucher bestimmt den Markt; steigende Nachfrage fördert ein wachsendes Angebot. Die Verantwortung für unsere Gesundheit und Umwelt beginnt beim Kauf. Wer beispielsweise nur die billigsten Milchprodukte zweifelhafter Herkunft in den Einkaufswagen packt, darf sich nicht über den Rückgang blühender Wiesen wundern. Durch einen Boykott von Produkten aus konventioneller Landwirtschaft und die Unterstützung ökologischer Verbände wie Bioland, demeter und Füllhorn kann der Einzelne Zeichen setzten. Es macht Mut, daß sich derzeit die Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Renate Künast aktiv für eine Agrarwende einsetzt, die den Grundstock für einen ökologischen Landbau legen soll. Bis 2005 wird ein Anstieg der ökologisch bewirtschafteten Flächen auf zehn Prozent angestrebt, in zehn Jahren soll der Ökolandbau bereits 20 Prozent Marktanteil haben. Berechnungen haben ergeben, daß diese Ziel ganz leicht erreicht werden könnte, wenn jeder Verbraucher monatlich die lächerlich kleine Menge folgender Artikel aus Ökoproduktion kaufen würde: drei kleine Brote (je 500g), 2 l Milch, 500 g Kartoffeln, 50 g Fleisch, 25 g Wurst und vier Eier. Die Mißstände in der Milchwirtschaft sind nur ein Beispiel von vielen. Wir als Endverbraucher sollten endlich unser blindes Vertrauen in die Lebensmittelindustrie ablegen und bewußte Kaufentscheidungen treffen. Ursula Thiele |
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